KRISEN UND KONFLIKTE

Das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) ist Teil der globalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, die in 191 Ländern aktiv ist. Bei Katastrophen sind die nationalen Gesellschaften des Roten Kreuzes bzw. des Roten Halbmonds oft die Ersten vor Ort. Bei Bedarf an internationaler Unterstützung kann über etablierte Mechanismen der Bewegung schnell und koordiniert zusätzliche Hilfe angefordert werden. Diese Struktur stellt sicher, dass wir effektiv und effizient helfen können.


GAZA

Auch im Jahr 2025 bleibt die Lage im Gazastreifen für die Bevölkerung extrem angespannt. Zwar konnte durch die im Oktober 2025 vereinbarte – und in der Praxis sehr brüchige - Waffenruhe eine weitere Eskalation der Kampfhandlungen weitgehend verhindert werden, doch die humanitäre Situation ist weiterhin katastrophal. Über 90 Prozent der Menschen mussten seit Oktober 2023 fliehen und leben bis heute unter prekären Bedingungen. Mehr als 62.000 Menschen wurden vom Beginn der Eskalation bis Jahresende 2025 getötet, über 150.000 verletzt. Rund 80 Prozent der gesamten Infrastruktur und der Gebäude im Gazastreifen sind beschädigt oder zerstört.

Angesichts dieses Ausmaßes stellt sich die Frage nach der Zukunft Gazas. Der Präsident des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) bringt es auf den Punkt:

Hilfsgüter sind knapp und hart umkämpft. Durch die Entscheidung Israels, zahlreiche Hilfsorganisationen aus bestimmten Gebieten auszuweisen, kommt der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung eine noch zentralere Rolle zu. Dennoch erreichen Lieferungen die notleidende Bevölkerung nur in unzureichendem Ausmaß, gelangen vielfach nicht ins Land oder werden abgefangen. Die Nationalen Gesellschaften der Nachbarländer reagieren darauf gemeinsam, wobei dem Ägyptischen Roten Halbmond eine Schlüsselrolle zukommt: Er koordiniert sämtliche Hilfsgüter, die über Ägypten nach Gaza gelangen.

Younis Al Khatib, Präsident des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) im Herbst 2025 im Gespräch in Wien

„Wie sollen wir Gaza wiederaufbauen, wenn mehr als 80 Prozent der Gebäude zerstört sind, wenn der Boden mit Blindgängern übersät ist und Kinder seit über zwei Jahren keine Schule besucht haben?“"

Der PRCS konnte trotz der schwierigen Bedingungen wichtige Hilfe leisten. Insgesamt wurden 28 Gesundheitszentren und Krankenhäuser betrieben, in denen über 1,71 Millionen Menschen behandelt wurden. Mehr als 204.000 Menschen erhielten psychosoziale Unterstützung, zudem wurden über 1,69 Millionen Hilfsgüter verteilt. Darunter fällt auch sicheres Trinkwasser.

Nachdem die medizinische Infrastruktur nahezu vollständig zerstört worden war, eröffnete das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im Mai 2024 ein Feldspital in Rafah im Süden Gazas. Bis Ende des Jahres 2025 wurden dort

  • mehr als 49.100 medizinische Konsultationen,
  • rund 2.100 Operationen,
  • 1.200 stationäre Aufnahmen,
  • 257 Geburten und
  • 763 Psychotherapieeinheiten durchgeführt.

Das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) unterstützt das Spital mit einer hochspezialisierten Trinkwasseraufbereitungsanlage.

Berichte aus dem Feldspital zeigen jedoch, wie angespannt die Lage weiterhin ist. Aus Paletten werden Krücken und Spitalsbetten gebaut, aus einem Stück Seife mehrere Liter Flüssigseife improvisiert. Während derzeit vor allem die Behandlung körperlicher Verletzungen im Vordergrund steht, werden die psychischen Folgen des Konflikts zunehmend sichtbar. Kinder und Jugendliche, die seit über zwei Jahren keine Normalität kennen, leiden besonders stark. Dr. Al-Khatib warnt: „Menschen wieder aufzubauen ist schwieriger als zerstörte Häuser.“

"Wir erleben Dinge, die die Welt zu einem unglücklichen Ort machen werden: weit über diese Region hinaus, weit über die Israelis und Palästinenser hinaus. Denn wir untergraben genau jene Regeln, die die Grundrechte jedes Menschen schützen."

Mirjana Spoljaric, Präsidentin des IKRK

Auch für die humanitären Helfer:innen ist die Situation lebensgefährlich. Hunderte Mitarbeiter:innen wurden verletzt, viele getötet. Insgesamt verloren 38 Freiwillige und Mitarbeitende der Rotkreuzbewegung – 31 vom PRCS und sieben von Magen David Adom in Israel – während ihres Einsatzes ihr Leben. Das Rote Kreuz setzt sich unermüdlich für die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts ein, das angesichts der multiplen globalen Konflikte erneut in den Fokus rückt. Diese Konventionen bilden die Grundlage für den Schutz der Zivilbevölkerung sowie von medizinischem Personal und humanitären Helfer:innen und Einrichtungen.

Der betroffenen Bevölkerung fehlt es weiterhin an allem, und lebensnotwendige Hilfe nach Gaza zu bringen bleibt für Hilfsorganisationen extrem schwierig. Das Österreichische Rote Kreuz hat bisher über 18.5 Millionen Euro bereitgestellt, um die Menschen in Gaza und den Nachbarländern zu unterstützen sowie auf eine Ausweitung des Konflikts reagieren zu können. Unterstützt wird diese Hilfe durch die Austrian Development Agency und den Auslandskatastrophenfonds der österreichischen Bundesregierung.

Das ÖRK hat über 13 Millionen Euro bereitgestellt, um auf die Situation in Gaza und den Nachbarländern zu reagieren und sich auf eine mögliche Ausweitung des Konflikts vorzubereiten. Unterstützt werden wir dabei durch die Austrian Development Agency und den Auslandskatastrophenfonds der österreichischen Bundesregierung.

MEHR ZUM THEMA

GAZA

  • Podcast: Einsatz in Gaza - Leben retten im Ausnahmezustand
  • Blog: Hilfe in Gaza zwischen Waffenruhe und Erschöpfung
  • Blog: Gaza: Es fehlt an allem!
  • News: Wie hilft das Rote Kreuz vor Ort?
  • News: Letzte Zuflucht in einer zerfallenden Welt
  • News: Wintereinbruch verschärft humanitäre Krise in Gaza dramatisch
  • News: Kindheit in Gaza

Kriege ohne Regeln

Wenn winterlicher Starkregen über Gaza hereinbricht und die Zelte in Schlammlöcher verwandelt, sind hunderttausende Familien hilflos der Witterung ausgeliefert. Nässe und Kälte werden zu lebensbedrohlichen Umständen, da die Zivilbevölkerung von humanitärer Hilfe abgeschnitten ist. Eine Situation, vor dem das humanitäre Völkerrecht eigentlich schützt, indem es Zugang zu lebenswichtiger Versorgung sicherstellt. Und obwohl humanitäre Helfer:innen sowie Gesundheitspersonal völkerrechtlich geschützt sind, wird dieser Schutz in vielen Konflikten nicht ausreichend gewährleistet.

Geschaffen, um dem Krieg Grenzen zu setzen, basiert das humanitäre Völkerrecht (HVR) auf internationalen Abkommen mit den Genfer Konventionen und ihren Zusatzprotokollen im Zentrum. In ihrer derzeitigen Form regeln die vier Genfer Konventionen seit 1949 den bewaffneten Konflikt, insbesondere den Schutz von Menschen, die nicht oder nicht mehr an Kampfhandlungen teilnehmen.

Das humanitäre Regelwerk wird ständig weiterentwickelt und ist im Laufe der Jahrzehnte um zusätzliche Verträge wie die Konvention der Kinderrechte (1989) oder das Verbot von Atomwaffen (2017) und Antipersonen Minen (1997) erweitert worden. Alle 196 Staaten der Erde haben die Genfer Konventionen ratifiziert, theoretisch haben sie universale Gültigkeit und überschreiten Verfassungen, Grenzen, Religionen und Kulturen. Bei den Staaten liegt auch die Verantwortung für die Einhaltung und den Schutz von Menschenleben. Der Konflikt in Gaza ist ein Beispiel auf der langen Liste des schwindenden Respekts vor den Regeln des Krieges durch Konfliktparteien; in der Ukraine fallen zivile Infrastruktur und Stromversorgung regelmäßig Angriffen zum Opfer, im Sudan ist die Zivilbevölkerung Zielscheibe von Angriffen, Verwundeten fehlt der Zugang zu medizinischer Versorgung aufgrund der Zerstörung von Krankenhäusern, in Syrien sind in 14 Jahren Bürgerkrieg über 35.000 Menschen verschwunden und weltweit reiht sich ein noch tödlicheres Jahr für Rotkreuz- und Rothalbmondhelfer_innen an das nächste. Im Gazastreifen und Westjordanland alleine sind zwischen Oktober 2023 und Dezember 2025 31 Mitarbeiter:innen und Freiwillige im Dienst getötet worden.

Dem Roten Kreuz als Hüter des humanitären Völkerrechts drängt die Staaten auf dessen Einhaltung, allerdings gibt es keine Strafverfolgungsmechanismen. Deshalb hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im September 2024 eine globale Initiative gestartet, um den Erosionstendenzen des HVR, die sich in aktuellen Konflikten manifestieren, ein starkes politisches Signal entgegenzusetzen. 100 Länder haben die Umsetzung der Empfehlungen aus der Initiative versprochen, Österreich nimmt aktiv teil und engagiert sich in einer der sieben Arbeitsgruppen der Initiative.

MEHR ZUM THEMA

  • Humanity in War
  • Was würdest du im Krieg tun?

TÜRKEI

Naturkatastrophen haben langfristige Auswirkungen und Folgeschäden. Die körperlichen Wunden verheilen oftmals schneller als die psychischen.

Mehr als drei Jahre nach den verheerenden Erdbeben vom 6. Februar 2023 sind die Folgen der Katastrophe für viele Menschen in der Türkei weiterhin spürbar. 55.000 Menschen verloren in der Türkei und in Syrien ihr Leben, über 125.000 wurden verletzt. Millionen Menschen verloren ihr Zuhause und ihre Existenzgrundlage.

Dank der großen Spendenbereitschaft in Österreich konnte das Österreichische Rote Kreuz gemeinsam mit dem internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondnetzwerk seit 2023 mehr als 4,2 Millionen Menschen unterstützen. Die Hilfe umfasst Bargeldhilfen, Maßnahmen zur Sicherung von Lebensunterhalt und Ernährung, psychosoziale Unterstützung sowie den Zugang zu Wasser-, Sanitär- und Hygieneleistungen.

Die Hilfe des Rotkreuz- und Rothalbmondnetzwerks seit der Katastrophe:

  • Bargeldhilfe: 1.058.000 Menschen erreicht
  • Lebensunterhalt und Ernährungssicherheit: 1.751.234 Menschen erreicht
  • Schutz, Gleichstellung und Integration: 499.594 Menschen erreicht
  • Psychische Gesundheit und psychologische Unterstützung: 226,607 Menschen erreicht
  • WASH (Water, Sanitation & Hygiene): 716,779 Menschen erreicht

Eine der Betroffenen ist Fatma aus der Provinz Hatay. Ihre Familie verlor beim Erdbeben 2023 ihr Haus, und seitdem lebt sie mit ihrem Ehemann und ihren vier Kindern in einer Containerstadt auf rund 25 Quadratmetern. Die Familie steht vor großen finanziellen Herausforderungen. Selbst die Kosten für den Schulweg der Kinder sind oft schwer zu bewältigen. Durch die Unterstützung des Türkischen Roten Halbmonds erhält die Familie finanzielle Hilfe, die den Zugang zu Bildung, Gesundheitsleistungen und lebensnotwendigen Gütern erleichtert.

Neben den materiellen Verlusten musste Fatma auch den Tod von Angehörigen verkraften. Regelmäßige Gespräche mit Psycholog:innen des Türkischen Roten Halbmonds helfen ihr dabei, die Erlebnisse zu verarbeiten und neue Perspektiven für sich und ihre Familie zu entwickeln. Die Situation zeigt, dass die Folgen großer Naturkatastrophen weit über die unmittelbare Nothilfe hinausreichen. Auch im Jahr 2025 benötigten viele Familien weiterhin Unterstützung, um ihr Leben neu aufzubauen und langfristig wieder Stabilität zu gewinnen.

Menschen in der Türkei

haben wir seit Februar 2023 mit unserer Hilfe erreicht.

Sudan

Der Sudan befindet sich seit April 2023 in einer der schwersten humanitären Krisen weltweit. Der bewaffnete Konflikt hat weite Teile des Landes verwüstet und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Mehr als 30 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund die Hälfte davon Kinder. Besonders betroffen sind die Regionen Darfur und Kordofan, wo anhaltende Kämpfe, Vertreibung und die Zerstörung wichtiger Infrastruktur das Leben der Bevölkerung massiv beeinträchtigen.

Die Folgen des Konflikts sind dramatisch. Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen und innerhalb des Landes oder in Nachbarstaaten Schutz suchen. Gleichzeitig verschärfen Hunger, Krankheitsausbrüche und wiederkehrende klimatisch bedingte Katastrophen die Notlage. Viele Familien haben keinen verlässlichen Zugang zu Nahrung, sauberem Trinkwasser oder medizinischer Versorgung. Etwa drei Viertel aller Gesundheitseinrichtungen im Sudan sind zerstört oder außer Betrieb. Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal erschweren die Versorgung zusätzlich.

In dieser Situation spielt der Sudanesische Rote Halbmond eine zentrale Rolle. Mit mehr als 168.000 Freiwilligen und Mitarbeitenden ist er die größte humanitäre Organisation des Landes und seit Beginn des Konflikts in allen 18 Bundesstaaten aktiv. Unterstützt von den internationalen Partnern der Rotkreuz-Rothalbmond-Bewegung leistet der Sudanesische Rote Halbmond unter äußerst schwierigen Bedingungen lebensrettende Hilfe. Oft sind die Teams des Roten Halbmonds die einzigen humanitären Helfenden, die betroffene Menschen erreichen können. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen Gesundheitsdienste, Bargeldhilfen, die Verteilung von Lebensmitteln und Hygieneartikeln, und die Bereitstellung von Notunterkünften. Allein mit Gesundheitsleistungen konnten seit Beginn der Krise Hunderttausende Menschen erreicht werden. Darüber hinaus erhalten Familien Unterstützung beim Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen, medizinischer Versorgung und psychosozialer Betreuung.

Besonders groß ist der Bedarf in den Aufnahmegemeinden für Vertriebene. Orte wie Ad-Dabba, Tawila oder Melit haben innerhalb kurzer Zeit Hunderttausende Menschen aufgenommen. Viele Vertriebene kommen mit kaum mehr als den Kleidern, die sie tragen. Der Sudanesische Rote Halbmond versorgt sie mit Unterkünften, Trinkwasser, Gemeinschaftsküchen und grundlegenden Hilfsgütern. Gleichzeitig werden auch die aufnehmenden Gemeinden unterstützt, die ihre begrenzten Ressourcen mit den Neuankömmlingen teilen.

Die persönlichen Schicksale verdeutlichen das Ausmaß der Krise. Fatima floh aus der umkämpften Stadt Al-Fasher, nachdem anhaltender Beschuss das Leben der Zivilbevölkerung unerträglich gemacht hatte. Nach wochenlanger Flucht zu Fuß, Tagen ohne Essen, lebt sie heute gemeinsam mit anderen Familien in einem Zelt, ohne Information zu vermissten Familienmitgliedern, mit wenig Hoffnung auf Rückkehr in geordnete Verhältnisse. Sie erhält Unterstützung durch Freiwillige des Roten Halbmonds – Lebensmittel, medizinische Versorgung, psychosoziale Betreuung für sie und ihrer Kinder.

Auch Rawda verlor auf ihrer Flucht nahezu ihren gesamten Besitz. Nach einem gewaltsamen Übergriff erreichte sie mittellos ein Lager im Bundesstaat River Nile. Dort erhielt sie vom Roten Halbmond Kleidung, Nahrung und weitere lebensnotwendige Hilfe.

Iman musste ebenfalls aus Al-Fasher fliehen. Heute engagiert sie sich selbst als Freiwillige des Sudanesischen Roten Halbmonds in Ad-Dabba. Wie viele Helfende ist sie gleichzeitig Betroffene des Konflikts. Ihr Einsatz zeigt die große Solidarität innerhalb der betroffenen Gemeinschaften.

Trotz des enormen Bedarfs bleibt die humanitäre Hilfe für den Sudan deutlich unterfinanziert. Die internationalen Hilfsaufrufe sind nur teilweise gedeckt. Ohne zusätzliche Unterstützung drohen wichtige Programme in den Bereichen Gesundheit, Wasser, Ernährungssicherung und Schutz eingeschränkt zu werden. Für Millionen Menschen im Sudan bleibt humanitäre Hilfe auch weiterhin unverzichtbar, um ihr Überleben zu sichern und Perspektiven für die Zukunft zu schaffen.

MEHR ZUM THEMA

  • Podcast: Sudan, Afrika und die Kraft der Hilfe
  • News: Kein Ende des Konflikts in Sicht
  • News: Sudans Kampf an zwei Fronten: Cholera-Epidemie verschärft humanitäre Katastrophe

EINSATZ IN DER UKRAINE: Das vierte Jahr im Krieg

MEHR DAZU